Freitag, 24. Januar 2014

Rezension: "Sayumi - Sayu Smiles" (Sadako)





Titel: Sayumi - Sayu Smiles
Reihe: Band 1 der Reihe "Sayumi"
Verlag: Verlag 3.0
Softcoverausgabe mit 597 Seiten
ISBN 978-3-943138-62-7
Vom Hersteller empfohlenes Lesealter: keine Angaben
Preis: 19,80 Euro








Klappentext:

"Wenn du das Weinen verlernt hast, bist du bereits tot." (Sayumi Whisp)

4 Intervalle, 4 Blutgruppen, 4 Abschnitte in einem alptraumhaften Leben. 

Abseits jeglicher Genreschubladen, begleiten wird die kleine Sayumi über einen Pfad mit doppeltem Boden, auf der Suche nach Vergangenheit, Zukunft, Traum und selbstgeschriebener Realität. 

______________________________________________________

Story und Charaktere:

Sayumi, ein kleines Mädchen von 8 Jahren, das in einer behüteten Familie aufwächst. Nicht nur von ihren Eltern, auch von ihrer Schwester wird sie geliebt, sodass sie sich geborgen fühlt. Einzig diese seltsamen Albträume machen Sayumi das Leben schwer. Zur Seite steht ihr da ihr Teddy Michael, den sie hütet wie einen Schatz. Plötzlich jedoch wird Sayumis kleine Welt in Stücke gerissen. Nach einem Unfall wacht sie vier Jahre später in einem seltsamen Raum, in einer seltsamen Einrichtung auf. Sie versteht weder was passiert ist, noch was vor sich geht oder wo sie sich befindet. Sie weiß nur eines mit Sicherheit: Sie will weg von dort. Unterstützt von geheimnisvollen Kräften, die über den Verstand aller Beteiligten hinausgehen, versucht sie der Situation zu entfliehen. Ab jetzt hat ihr Leben eine völlig neue Bedeutung.

Sayumi Whisp ist der Hauptcharakter des Debüts der Schriftstellerin Sadako. Als Leser begleitet man sie durch vier mit Blutgruppen bezeichnete Intervalle, die jeweils vier Jahre auseinanderliegen. Sie ist ein sehr zarter Charakter, der zugleich unglaublich stark ist. Im Leser wird unwillkürlich der Beschützerinstinkt geweckt, möchte man doch eines ganz besonders nicht, nämlich, dass ihr etwas passiert. Man kann sie jedoch nicht davor bewahren, dass genau das am laufenden Band geschieht. Man lacht mit ihr, weint mit ihr, leidet mit ihr und teilt ihre Angst. Den Gefühlscocktail den Sayumi erlebt, erlebt auch der Leser. In einigen Abschnitten bekommt man das Gefühl, dass der Punkt erreicht ist, an dem die kleine Seele von Sayumi so stark gebrochen ist, dass sie die Dinge um sich herum langsam aber sicher mit immer mehr Kälte aufnimmt. Gerade wenn man meint sich dessen sicher zu sein, bricht aber genau dieses sorgfältig aufgebaute Kartenhaus wieder zusammen und eine neue Gefühlswelle schwappt über Sayumi und den Leser hinweg. Dabei handelt es sich nicht um positive Wellen, erleben wir mit Sayumi in diesem Buch doch einen Höllentrip, den man so noch nicht gesehen hat. Obwohl Sayumi so viel Unglaubliches und Schreckliches passiert, steht sie immer wieder auf und kämpft weiter. Getrieben wird sie dabei von ihrer Neugierde und ihrem Fluchtinstinkt. Am Ende will sie nämlich nur eines: leben... eine Sache, die andere gerne verhindern möchten.

Umgeben wird Sayumi im Laufe des Buches von zahlreichen Charakteren. Auf diese näher einzugehen ist besonders deshalb so schwer, weil man keinen einzigen von ihnen wirklich einschätzen kann. Als Leserin habe ich mich immer wieder dabei erwischt, in Lauerstellung zu gehen und jedem zu misstrauen, der neu eingeführt wurde. Eines versteht die Autorin dieses Buches nämlich meisterhaft: einen Schein aufzubauen, der am Ende trügerischer nicht sein kann. Hier entpuppen sich Freunde als Feinde und Feinde als Freunde. Das Charakternetz ist so dicht und so verworren, dass man das Buch mit einer Unsicherheit liest, die ich bisher bei keinem anderen Buch empfunden habe. Dabei ist jeder einzelne Charakter so stark und so präsent, dass man keinen von ihnen vergessen kann. Schon durch die Konstellation der Charaktere wird dieses Buch zu etwas ganz Besonderem. Ein Page-Turner, bei dem man die nächste Seite eigentlich gar nicht lesen will.

Hinzu kommt die Story, die für den Leser ganz genauso verworren ist, wie für Sayumi. Dabei hat man als Leser den Vorteil, mehr über das Ganze zu wissen, als Sayumi selbst. Immer wieder wechseln die Perspektiven, sodass man eigentlich einen guten Überblick haben sollte, der dem Leser dennoch verwehrt bleibt. Eine Geschichte, die so voller widersprüchlicher Gefühle und Situationen ist, dass man irgendwann selbst nicht mehr weiß, was ist Wahrheit, was ist Lüge, was ist Traum und was ist Wirklichkeit?

Weiter möchte ich auf die Geschichte und ihren Inhalt auch nicht eingehen, sollte doch jeder Leser selbst in dieses sehr athmosphärische Buch eintauchen und die vielen Geheimnisse um Sayumi lüften.
Nach diesem extrem intensiven Leseerlebnis bin ich auf jeden Fall sehr gespannt auf Band 2, der hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lässt. Obwohl Sayumi sich auf einem echten Höllentrip befindet, habe ich sie so sehr ins Herz geschlossen, dass ich sie auch weiter auf ihrem steinigen Weg begleiten möchte.

Was mir besonders gefallen hat:

Viele Leser haben es schon in ähnlicher Weise ausgedrückt und ich kann mich nur anschließen: Mit „Sayu Smiles“ hat der Buchmarkt etwas völlig Neues erhalten, das nur sehr schwer einzuordnen ist. Es ist ein so emotions- und spannungsgeladenes Buch, dass die Grenzen zwischen den Genres verschwimmen und jeder für sich selbst entscheiden muss, wo er es einordnen würde.

Sehr interessant ist die gewählte Art der Setzung. Auf den ersten Blick wirkt sie sehr zerstückelt, sind viele Absätze doch nur 3-4 Zeilen lang, mit anschließender Leerzeile. Diese besondere Art den Text dem Leser zu präsentieren, rührt jedoch daher, dass hier ein filmischer Eindruck mit Kamerawechsel entstehen sollte, der bis zum Ende des Buches grandios durchgehalten wird. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, kann man jede Szene förmlich spüren, riechen und schmecken. Besonders der eisenhaltige Geschmack und Geruch von Blut wird vom Buch auf den Leser übertragen. Eine Erfahrung, die mich während des Lesens immer wieder die Luft anhalten ließ.

An dieser Stelle muss ich deshalb auch kurz auf den Schreibstil eingehen. Er ist trotz Schwere des Inhalts sehr leicht und flüssig. Es wurde sehr gezielt Wert auf kontrastreiche Beschreibungen gelegt, die so gut ausgeführt wurden, dass eine ganz besondere Athmosphäre entsteht. Die Sprache von Sayumi und allen weiteren Personen wurde ihrer Funktion und ihrem Alter angepasst, sodass alles einen sehr authentischen Eindruck macht.

Das Gefühl der oben erwähnten Stückelung, zieht sich auch durch die Geschichte. Sie ist unheimlich verworren und besteht aus so vielen Einzelteilen, dass sich das Mosaik wirklich erst ganz zum Schluss zu einem erkennbaren Bild zusammenfügt. Es gibt viele Andeutungen, die dem Leser und auch Sayumi glauben lassen, das Geheimnis hinter ihrem Leben, der Einrichtung in der sie erwacht etc. endlich gelüftet zu haben. Wie auch bei den Charakteren, ist das aber meistens nicht der Fall. In Teilstücken setzt sich langsam das Ausmaß der Geschichte zusammen, die den Leser an das Buch fesselt.

Wer in „Sayu Smiles“, einem trügerischen Titel, ein leichtes Buch mit netter Athmosphäre erwartet, ist hier auf der falschen Fährte. Es ist definitiv kein Buch für schwache Nerven. Charaktere und Story nagen an der eigenen Psyche, sodass ich dieses Buch nicht jedem Leser empfehle.

Eine kleine Anmerkung zum Schluss, die das Buch für den Ein oder Anderen vielleicht noch interessanter macht. „Sayu Smiles“ wird nicht nur als Taschenbuch geliefert, sondern auch als E-Book. Jeder Leser hat die Möglichkeit sich das Buch mit Kopie des Kaufbeleges auch kostenfrei als E-Book zusenden zu lassen.

Gestaltung:

Das Cover ist mit dem Gesicht einer weiblichen Person, das links und rechts von ihren Händen gehalten wird, relativ einfach gehalten worden. Entsprechend dem Titel fällt es nicht schwer herauszufinden, mit wem man es hier zu tun hat. Vorbereiten auf das, was sich zwischen den beiden Buchdeckeln befindet, kann es jedoch nicht. Entgegen dem Titel sehen wir hier schon kein fröhliches Mädchen, das lächelnd in die Kamera schaut, sondern ein Gesicht mit großen, fragenden Augen, die schon viel zu viel gesehen zu haben scheinen. Ein Gesicht, das man nach dem Lesen des Buches definitiv nicht mehr vergessen wird und das man zwischen den Leseintervallen immer wieder vor Augen hat.

Wertung:

Ein Buch, das an die Nerven geht, das die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen lässt und das für aufregende Lesestunden sorgt, von denen man sich paradoxerweise oft ganz weit weg wünscht. Hier haben wir wirklich ein ganz besonderes Leseerlebnis, das ich sehr gerne mit 5 Lila-Lesesternen bewerte und das ich jedem Leser, dessen Nerven stark genug sind, uneingeschränkt empfehle.




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen